Vorstellung der/des Protagonisten

Dieses Thema im Forum "Lesezirkel (offen)" wurde erstellt von Lusmore, 23. November 2019.

  1. Lusmore

    Lusmore Well-Known Member

    Nabend aus dem kalten Hamburg. Man kann/soll ja die Protagonisten am Anfang kurz vorstellen, damit der geneigte Leser weiß um wen es geht.

    Schlachte ich eine heilige Kuh wenn ich relativ am Anfang auch einen Nebenprotagonisten einarbeite, der im ersten Buch eine untergeordnete Rolle einnimmt. Also als Sidestory, die sich erst im laufe des Buches den Hauptprotagonisten zuwendet? Merkwürdigerweise ist er der einzige welcher aus der Ich Perspektive erzählt.

    Und gibt es ein "goldenes Schnittmaß wie lange die Einträge der Protagonisten sein sollten? Oder ist das frei Schnauze?
     
  2. Yoro

    Yoro Well-Known Member

    Mit dem anfänglichen Vorstellen halte ich mich eh etwas zurück, ich schubse den Protagonisten erstmal rein in die Szene und lasse ihn sich durch die ersten Probleme wurschteln. Dabei kann man schon sehr gut ein paar Infos einbauen, um wen und was es im Groben geht.
    Mit einer weiteren Hauptfigur würde ich zumindest so lange warten, bis man (= Leser) mit dem Protagonisten ein kleines bisschen 'warm' geworden ist, anderenfalls kann es etwas chaotisch werden/wirken.
    In deinem speziellen Fall scheinen zwei zunächst voneinander unabhängige Erzählstränge gleichzeitig zu starten - hab ichs so richtig verstanden?
    Ich würde sagen, sowas kann ohne weiteres funktionieren, es kommt halt mal wieder einzig drauf an, was man draus macht.
    Mit einem beinahe gleichzeitigen Start von Haupt- und Nebenstrang bekommt die Sidestory aber auch eine ganze Menge an Gewicht. Soll heißen, der Leser möchte da dann auch Fortschritte, Rätsel, Konflikte und eben das ganze Programm erleben.

    Joe Abercrombie hat das in seiner Klingentrilogie so ähnlich konzipiert. Es gibt einen Protagonisten, aber auch eine Handvoll Hauptfiguren (eigentlich schon beinahe-Protagonisten), aus deren Sicht kapitelweise im Wechsel erzählt wird. Fast alle starten sie an einer anderen Stelle des Landes und müssen sich mit ihrer jeweils eigenen Problematik herumschlagen. Nach und nach treffen sie dann aufeinander - und dann gehen die Schwierigkeiten erst richtig los. (Sehr empfehlenswert, wenn man Fantasy mag; hier der erste Band davon)
    Bei Abercrombie funktioniert es großartig - also mach ruhig, und diese ganzen heiligen Kühe, so sie denn überhaupt vorhanden sind, gehören eh geschlachtet ;).
     
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  3. Suse

    Suse Active Member

    Ich habe in meinem (Liebes-)Roman alle Hauptfiguren im ersten Kapitel vorgestellt, wobei ohnehin nicht zu viele Figuren vorkommen. Ich habe zur Vorstellung ein Grillfest im Garten von Nebenfiguren veranstaltet.
     
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  4. Tessley

    Tessley Member

    Hallo Lusmore,

    ich sehe es wie Yoro.
    Ich starte auch die Story immer mit meinem Hauptcharakter.
    Aber er ist sofort in der Story drin, ohne ihn vorher groß vorzustellen. Das ist ein kann, muss aber nicht.
    Das kommt bei mir mit der Zeit, genau wie die Komplexität des Charakters und seiner Hintergrundgeschichte, warum er so geworden ist, wie er ist.
    Es spricht nichts dagegen auch einen zweiten Charakter einzubringen, wenn die Geschichten Parallel laufen. Es muss ja nicht immer nur einen Hauptcharakter geben. Und es ist genauso schön zu sehen, wie die beiden Charaktere zusammen wachsen und sich die Story mit den beiden entwickelt.
    Mir stellt sich eher die Frage, ob dein zweiter Charakter wirklich ein Neben- oder ebenfalls Hauptcharakter ist.
    Oder vielleicht sogar eher eine Schlüsselfigur?

    LG Tessley
     
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  5. Lusmore

    Lusmore Well-Known Member

    So ähnlich will ich es auch stricken.
    Sehe ich auch so, wollte aber mal fragen in einer DEnkpause, die kann dann ja Suse für ihr Grillfest haben,
    Ja, das ist ein sehr guter Einwurf, danke Tessley. Meine Charaktere haben ein starkes Eigenleben. Mal schauen wie er sich anstellt. Er schafft sich im Moment immer mehr Raum und Text. Er sitzt jetzt wahrscheinlich kichernd irgendwo und denkt sich Sag ich doch die ganze Zeit. :sneaky:
     
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  6. Pamina22

    Pamina22 Member

    Natürlich kannst Du einen Roman auch mit einer Nebenfigur beginnen lassen.
    In Krimis ist das nicht unüblich. Wenn die Geschichte mit dem Mordopfer beginnt, hättest Du eine Nebenfigur am Anfang. Aber hier wird dem Leser klar, dass die Story für das Opfer zu Ende ist, sobald es tot ist. Und im Krimi erwartet der Leser so etwas vielleicht auch eher als in anderen Genres.

    Es gibt beim Beginnen mit einer Nebefigur nur ein Risiko: Wenn die Nebenfigur zum Sympathieträger wird, kann es sein, dass Du die Lesererwartung enttäuschst, wenn der Leser merkt, dass die Figur keine große Rolle spielt. Das ist ähnlich wie beim Prolog: Wenn die Figuren aus dem Prolog nicht dieselben sind wie im ersten Kapitel, musst Du den Leser zweimal ködern, sonst kann es Dich im schlimmsten Fall Lesersympathien kosten.
    Ich würde daher die Hauptfigur so bald wie möglich auftreten lassen.


    LG


    Pamina
     
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  7. Lusmore

    Lusmore Well-Known Member

    Ja das ist klar, das werde ich auch machen, ausserdem wird er ja spätestens im zwiten Teil eine Hauptfigur, da die aber eh gerade alles ändern kann das auch früher passieren. :sneaky: Dank auch Dir auf jeden Fall!
     
  8. Pamina22

    Pamina22 Member

    Bei Harry Potter Band 1 wird auch nicht mit der Hauptfigur begonnen. Harry taucht dort erst im zweiten Kapitel auf.
    Ich muss gestehen, dass ich das beim ersten Lesen etwas langatmig fand.

    LG

    Pamina
     
  9. Yoro

    Yoro Well-Known Member

    Genau das ist ein extrem wichtiger Punkt.
    Wenns ganz blöd läuft, hat der Leser längst zur Nebenfigur eine Beziehung aufgebaut, wenn der Protagonist auftaucht - und interessiert sich nicht mehr so sehr für ihn.
    Bei Harry Potter beginnt es, wenn ich mich richtig erinnere, mit den Dursleys. Glücklicherweise sind die alle so fies, dass sie keine Identifikationsfiguren abgeben, und Harry damit auch nicht die Show stehlen.
     
  10. tano

    tano New Member

    Moinsen,
    ja spannende Frage, um welche die Experten immer wieder und beinahe dauerhaft diskutieren.

    Der Standpunkte und Meinungen sind so viele, dass man sich irgendein aussuchen kann.
    Ich bin ja sehr von den Standpunkten und Lehrmeinungen Sol Stein's geprägt. Einfach weil ich gemerkt habe, die Lösungen sind so vielfältig, dass irgendein immer passt.

    Beispiel: Ein Angeklagter betritt den Verhandlungssaal. Seine einprägsamsten Attribute sind sein grobschlächtiges Gesicht und sein Körpergröße von etwas mehr als zwei Meter.

    Lösungsvorschläge körperliche Attribute:
    1. Als er in den Saal geführt wurde, machte sein vor Grauen starrendes Gesicht eines klar. Er war schuldig.

    2. Mit einem leichten Beugen des Kopfes durchschritt er die Tür, als er in den Saal trat. Erst danach konnte man seine groben Gesichtszüge erkennen.

    3. An ihm schien alles groß und grob behauen. Die Länge seiner Beine setzte sich im Rumpf fort und schien nicht einmal an seinem Haupt zu enden. Sein Gesicht hatte die Anmut einer alten Baumrinde.

    Du siehst alles geht. Die Liste könnte sich ewig und ich glaube nur von der Fantasie begrenzt fortsetzen.

    Ob der Protagonist am Anfang, also innerhalb der ersten zwei Leseminuten vorgestellt wird oder auf den ersten zwei Seiten ist eigentlich mehr Stilelement, als Vorschrift.
    Ich gebe dir mal ein Beispiel aus meinen Arbeiten:

    Aus "Die gestohlene Kindheit" - verzögerte Einführung der Hauptfigur

    Am fünften März neunzehnhundertneunzig verzeichnete die Welt, dass die vierte Runde der Nahostgespräche zwischen Israel und seinen arabischen Nachbarn am Mittwoch in Washington ergebnislos beendet wurde.

    Bei einem verheerenden Grubenunglück im türkischen Kohlerevier in Nordanatolien, berichtete eine Gazette, sind nach offiziellen Angaben wahrscheinlich rund dreihundert Bergleute ums Leben gekommen.

    Das Neue Deutschland notierte, dass in Ostdeutschland im Jahr zweitausend etwa eine Million vierhunderttausend Menschen weniger als neunzehnhundertneunzig leben werden. Ursachen wären der drastische Rückgang der Geburtenzahlen und die anhaltende Abwanderung in den Westen.

    Keine Zeitung, kein Journal, nicht einmal die Nachrichten irgendeiner Schulzeitung vermeldete, dass der Softwareentwickler Christian Steiner an diesem Tag seine Reise zu sich selbst begann, nachdem er einen Nervenzusammenbruch hatte.
    Er war deswegen in die psychosomatische Tagesklinik überwiesen worden.
    Für Christian Steiner war dieses Ereignis bedeutungsvoller, als die Schlagzeilen der Weltpresse.

    Hier wird die Dramatik dadurch verstärkt, dass auf andere Weltereignisse hingewiesen wird.
    Ein schwieriges, aber beliebtes Stilelement der modernen Literatur.
    Aber Achtung. Der Leser erwartet nun, dass jede dramatische Wendung so eingeleitet wir.

    Wie kann man die Verlorenheit des Protagonisten verdeutlichen und verstärken.

    Als ich Christian Steiner das erste Mal begegnete, saß er in der großen Mittelhalle, von der alle Räume abgingen. Der Tag und er schienen so unscheinbar, so dahingeworfen, dass man beide im selben Augenblick vergessen mochte. Auf der einen Seite des Raumes lümmelten zwei Tische, als würden sie sich verlaufen haben. Auf der anderen Seite mehrere Reihen gepolsterter Stühle in fast geometrischer Ordnung. Das helle Eichenholz bildete einen einprägenden Kontrast zu den himbeerroten Polstern. Es wirkte fast kurios, wie sich die Stühle in die Wandfarbe fügten, obwohl die Wände wie dünner Vanillepudding aussahen.
    Ein beflissener Geist hatte die Wände mit einem Mix aus moderner, kindlicher und professioneller Bilddarstellungen versehen. Anscheinend war ihm dabei nicht aufgefallen, dass diese Kombination eher beunruhigte, als das gewollte Gegenteil zu bewirken.
    Die Gewichtigkeit des Ortes unterstrichen schwere, drei Meter hohe, doppelte, mokkafarbene Eichentüren. Messingblenden, Scharniere und Klinken unterstrichen diese Gewichtigkeit.

    Steiner hat sich zwar in einer Ecke des Raumes zurückgezogen, kann sich aber der Wucht dieser Halle nicht entziehen. Alles drängt in in die Mitte und lässt ihn klein und bedeutungslos wirken.
    Aus "Drei Wanderer" - Einführung mehrerer Hauptfiguren, Einführung einer Nebenfigur

    Seiten 1-2


    Die Luft schmeckte fahl und nach einer Mischung aus kaltem Tabakrauch und abgestandenem Bierdunst. Dirnen hatten sich mit vielversprechendem Blick ein Quartier für die Nacht erkauft. An der Tür atmete ein schmiedeeiserner Ofen seine letzte Wärme in den Raum.
    Von Minute zu Minute nahm die Stimmenvielfalt ab. Der Gastraum glich einer Schwangeren, die ein Kind nach dem anderen aus ihrer Obhut in die Rauheit der Welt verabschiedete. Sie wusste, wenn deren Durst aufkäme, sie überfiele, verschlänge, hätten sie alle Vorsätze vergessen. Der tägliche Ruf ließ sie einen Weg zu ihr finden.
    Der Wirt putzte mit spannungslosen Bewegungen und hängenden Schultern seit einer Stunde an demselben Glas herum. Irgendwann geht der letzte Gast.
    Er suchte den Raum mit den Augen ab, prüfend ob sich etwas zwischen ihm und der ersehnten Nachtruhe schieben würde.
    Er bemerkte Männer in abgerissener und verschmutzter Kleidung, welche wankend und mit trunkenem Arm winkend den Gastraum verließen.
    Während er prüfte, blieb sein Blick an einem Tisch hängen. Keiner der drei Herren schien Anstalten zu unternehmen, den Trinkern zu folgen.
    In dem Moment als dem Wirt der Gedanke kam, dass es sich um Übernachtungsgäste handele, winkte einer von ihnen und rief den Wirt an den Tisch.
    Mit weiblich ausladenden Hüftbewegungen ging er hin.
    "Zahlen, meine Herren?"
    Die Gäste sahen ihn ungläubig an.

    Die Szene erklärt die Hauptfigur Wirt, denn er wird als Teil der Szene beschrieben. Gleichzeitig wird der Übergang zu weiteren Protagonisten hergestellt.
    Das Besondere ist, dass bereits in dieser Szene der Wirt zur Nebenfigur gemacht wird, dessen Aufgabe es sein wird, die Erzähler zu verbinden.
    Aufbau der Spannung über eine der drei Hauptfiguren.
    Seite 4


    Der erste der Wanderer - er nannte sich Hannibal - setzte sich aufrecht hin.
    Er nahm sich die Freiheit, sich aus der Tabakdose des Wirtes zu bedienen, krümelte den Schnupftabak auf seinen Handrücken und sog ihn langsam und genießerisch in die Nase.
    "Sicherlich kann sich jeder von euch an einen Menschen erinnern, der alt, sehr alt war oder ist. Nun ist es bei solch alten Menschen oft so, dass sie mit den Jahren nicht mehr wissen, warum sie noch leben." Hannibal machte ein kurze Pause und rieb sich die borkige Nase.
    "Sie haben alles Erleidbare erlitten, haben alles Erlebbare erlebt, haben geliebt oder gehasst, haben gelebt und sich am Leben erfreut."
    Ein kräftiger Nieser schreckte alle auf.
    "Und nun, am Abend ihrer Tage, wenn sich alle und alles zurückgezogen haben, sehen sie keinen Sinn mehr."
    Er holte tief Atem und entzündete eine kurzstielige Pfeife an. Der Rauch des schlecht glimmenden Tabaks brannte in den Augen und lies die noch gereizte Nase kaum zur Ruhe kommen. Lange und ohne ein Wort zu sagen, entfachte er die Glut. Als es endlich gelungen war, trank er einen Schluck Wein.
    Hannibal warf einen langen Blick auf sein leeres Glas, so dass der Wirt verstand und einen neu gefüllten Krug holte.
    Etwas Geisterhaftes erfüllte die Atmosphäre. Jedem lagen Fragen auf der Zunge, und doch sprach sie keiner aus.
    "Tja, wie soll ich sagen. So einen Menschen kannte ich lange, fast ein Leben lang. Er war alt und gebrechlich geworden. Doch seine Gebrechlichkeit bezog sich weniger auf den Körper, als auf den Willen zum Leben."

    Aha. Jetzt wird die Katze aus dem Sack gelassen. Die Wanderer erzählen Geschichten. Weshalb wird in der ersten Szene verdeutlicht (Lohn für die Zeche). Man kann davon ausgehen, dass die beiden anderen von selben Schlage sind.
    Und nun die Verdeutlichung seines Inneren
    Seite 7


    Dann würde er sterben dürfen.
    Und Ja, er stellte sich das schön vor, wie eine erholsame und Wanderung.
    So wie in seiner Kinderzeit, als er mit dem Vater durch die sonntäglichen Wälder zog, rechts und links des Weges den Farn mit einer Gerte peitschend.
    Und am Ende des Weges würde ein Licht sein, so groß, dass es alles zu verschlingen drohte.
    Er würde hineingehen in dieses Licht, würde selbst Licht werden.

    Der alte Mann wurde ja schon kurz von Hannibal vorgestellt. Aber wie ist der Mann wirklich, was ist sein Innerstes, seine Essenz? Er scheint verletzlich, vereinsamt, verzweifelt nur nur von dem Wunsch zu sterben getrieben.
    Nein, die gleichzeitige Einführung mehrerer Handlungsträger ist kein Fehler, sie ist Stilelement.
    Dostojewski machte das besonders gerne in seiner frühen Prosa. Auch Charles Dickens verwendete dieses Stilelement gerne mal (Beispiel Weihnachtsgeschichte).

    Denkt dran. Ihr seid die Herren eurer Geschichten. Die Leser sind die Hörer am Lagerfeuer. Nutzt die Bereitschaft der Leser sich packen und fort tragen zu lassen.
    Aber! Erwürgt den Leser nicht mit Worten!
     
    Greifenklau, Yoro und Lusmore gefällt das.