Wie werden Gedanken dargestellt ?

Dieses Thema im Forum "Tipps und Tricks" wurde erstellt von Samurai_27, 20. März 2020.

  1. Samurai_27

    Samurai_27 New Member

    Hallo,

    gibt es es eine Vorgabe oder eine verbreitete Vorgehensweise, wie Gedanken in der Literatur dargestellt werden ? Gefunden habe ich Kursivschrift oder die Darstellung in Anführungszeichen wie bei der normalen wörtlichen Rede.
    Erfolgt die Darstellung dann auch mit Einrückung ?

    Viele Grüße,
    Dirk
     
  2. Pamina22

    Pamina22 Well-Known Member

    Hallo Dirk,
    normalerweise entscheidet ein Verlag, wie er Gedanken darstellt. Wenn Du selbst veröffentlichen willst, hast Du das natürlich in der Hand.
    Ich würde von einer Darstellung mit Anführungszeichen wie bei der wörtlichen Rede absehen, damit es nicht zu Missverständnissen kommt. Sehr oft findet man die Kursivschrift für Gedanken. Ich nutze sie meistens auch. Aber es ist auch möglich (und es gibt viele Befürworter dafür), Gedanken gar nicht durch besonderen Schriftsatz oder ähnliches hervorzuheben, sondern den Leser aus dem Kontext merken zu lassen, dass es sich um Gedanken handelt. Häufig schreibt man ohnehin "dachte er" oder so etwas dahinter, sodass es dann eigentlich klar ist. Ich ziehe den Kursivdruck vor, weil ich manchmal darauf verzichte, "dachte er" dahinterzuschreiben.
    Eine Darstellung mit Einrückung kenne ich nicht. Entweder, die Gedanken nehmen einen eigenen Absatz ein, dann ist nur die erste Zeile leicht eingerückt, so, wie Papyrus das ohnehin immer für jeden Absatz (außer denen nach einer Überschrift oder Leerzeile) formatiert, oder es handelt sich nur um einen Satz im Fließtext. Der passt sich dem übrigen Absatz an und ist evtl. nur durch die Kursivschrift hervorgehoben.
    Ich würde möglichst wenig Formatierung in einem Roman verwenden, schon gar nicht für Aspekte, die der Leser am besten aus dem Kontext herauslesen soll. Wenn das nicht auf Anhieb gelingt, solltest Du lieber die Formulierungen überarbeiten, anstatt noch eine Einrückung oder so etwas hinzuzufügen.

    LG
    Pamina
     
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  3. Berlinschreiber

    Berlinschreiber Active Member

    Da gibt es keine festen Vorschriften und sehr viele unterschiedliche Möglichkeiten. Um Gedanken von wörtlicher Rede abzusetzen, werden klassischerweise einfache Anführungszeichen gesetzt:

    'Hat der noch alle Tassen im Schrank?', dachte Peter. Laut sagte er: "Na, das freut mich aber!".

    Kursivschrift geht auch:

    Fred hangelte sich an der Hauswand entlang. Seine Hände befühlten den bröckeligen Stuck der Fassade, der ihm den einzigen Halt bot. Weit unter ihm hupten die Autos auf der Straße. Einige Schaulustige hatten sich versammelt. Er fühlte, wie seine Finger klamm und steif wurden.
    Nicht loslassen. Jetzt bloß nicht loslassen!

    Man kann Gedanken auch frei fließen lassen:

    Sylvia betrachtete die Rose, die Lieblingsblume ihrer Mutter. Sie dachte an die unbeschwerten Kinderjahre und den Geburtstag, an dem ihre Mutter ihr gesagt hatte, dass ihr Vater ab jetzt nicht mehr bei ihnen wohnen würde.

    Wichtig ist, dass man bei der Schilderung von Gedanken die Perspektive beibehält. Also nicht:

    "Wir nehmen zweimal den Chardonnay", sagte Mike zum Ober. Dann nahm er Lucys Hand und dachte: 'Sie ist wirklich entzückend. Eine Traumfrau!' Laut sagte er: "Magst du Chardonnay?"
    "Kommt drauf an, mit wem ich ihn trinke", antwortete Lucy und dachte: 'Was für eine Pissnelke - wo bleibt denn bloß Rita?'

    Man sollte sich immer auf eine Person beschränken, aus deren Perspektive man die Gedanken schildert.

     
    Zuletzt bearbeitet: 20. März 2020
  4. Samurai_27

    Samurai_27 New Member

    Vielen Dank für die Hinweise. Jetzt kann ich mir ja die für mich optimale Version aussuchen. Bisher hatte ich die Gedanken im Fließtext ohne besonderen Hinweis geschrieben. Das hat Vor- und Nachteile.
     
  5. Pamina22

    Pamina22 Well-Known Member

    Davon würde ich aber abraten, weil das eigentlich der Situation vorbehalten ist, dass innerhalb einer wörtlichen Rede nochmals wörtliche Rede zitiert wird. Wenn also eine Figur ausführlich von ihren Erlebnissen berichtet, ohne ein Ich-Erzähler zu sein, wird das in wörtlicher Rede dargestellt. Wenn diese Figur dann innerhalb ihrer wörtlichen Rede wieder wörtliche Rede benutzt, weil ihre Erlebnisse szenisch dargestellt werden, setzt man diese in einfache Anführungszeichen.

    LG
    Pamina
     
  6. Waba

    Waba Well-Known Member

    Das unterschreibe ich zu 100%.
    In Anführungszeichen setzen, ist ein nogo! Die aus Bequemlichkeit leider immer öfter verwendete Unsitte der Kursivschrift für Gedanken, ist ebenfalls nicht notwendig.
    Es bedeutet halt einfach, dass vom Schreibenden etwas mehr Gedankenarbeit gefordert ist, damit der Leser die notwendige Info aus dem Kontext 'nebenbei' erfährt.
     
  7. Berlinschreiber

    Berlinschreiber Active Member

    Wie würdet Ihr das schreiben, wenn man aus einer Figurenperspektive jemanden etwas sagen und gleichzeitig etwas anderes denken lasst, was er aber aus bestimmten Gründen nicht ausspricht (so wie in meinem Beispiel)?
    Das mit den Gedanken in Kursivschrift machen aber sehr viele, grade in Thrillern. Ich hab mal einen gelesen, da wurde das exzessiv auf jeder Seite 3x betrieben. Das nervt, weil es sich abnutzt. Aber wenn es sparsam und bewusst eingesetzt wird, finde ich das als Stilmittel ganz okay.

    Das verstehe ich nicht ganz - meinst Du "show, don't tell"? Das ist ja richtig - aber manchmal sind doch die Gedanken einer Figur für die Geschichte wichtig, und wie soll man die sonst dearstellen?
     
    Zuletzt bearbeitet: 20. März 2020
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  8. NinaW

    NinaW Well-Known Member

    Nein, sie meinte, dass die einzelnen diesem Fall vorbehalten sind: "So ein Arsch!", ereiferte sich Sandra. "Da kommt der wirklich in den Laden und erklärt vor allen Besuchern: 'Ihre Ware ist nicht original, sondern nur billiges Fake!'. Was erlaubt der sich eigentlich?!"

    Sechseinhalb Minuten später hielt Sam dem Straßensamurai den Chip entgegen. Er musterte ihn skeptisch, aber nahm ihn schließlich mit spitzen Fingern. »Gut.« Das Wort kam ihm sichtlich schwer über die Lippen. »Gab’s Probleme?«
    Sam starrte ihn weiter unverwandt an. »Nein.« Vielleicht verbesserte der Checkstick seine Stimmung noch mehr? »Hab sogar ne Zugabe mitgebracht.« Sie zog den Stick aus der Hosentasche.
     
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  9. Berlinschreiber

    Berlinschreiber Active Member

    Ach soooo.... verstehe. Sorry, hab ich komplett missverstanden. Natürlich, da sind einzelne Anführungszeichen absolut richtig - aber ich dachte immer, für Gedanken kann man die auch nehmen.
    Dein Zitat ist eine sehr elegante Lösung, stimmt. (y)
     
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  10. Besonnener

    Besonnener New Member

    Wenn ich die Rohfassung schreibe, halte ich es wie Terry Pratchett: Ich lasse meine Figuren, wenn absolut nötig, kursiv denken. Nicht immer kann man seine Gedanken in erzählerischer Form in den Text einbauen. Schliesslich denken wir im realen Leben auch manchmal nur einen kurzen Satz ;-). Zu viel Formatierung finde ich allerdings auch unübersichtlich.
     
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  11. Pferdefrau

    Pferdefrau Well-Known Member

    Mir zumindeste geht es so.

    Hier noch ein Beispiel von mir:

    Mensch Lea!, schalt ich mich innerlich, so neugierig zu sein. Zu James sagte ich: "Tut mir Leid. Ich frag dich ja regelrecht aus."
     
  12. Bei mir sieht das noch einmal anders aus.
    "Tut mir leid, James. Ich frag dich ja regelrecht aus." Mensch Lea! Was bist du auch immer so neugierig.
     
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  13. AndreasE

    AndreasE Well-Known Member

    Die Grundregel ist halt: Missverständnisse vermeiden! Wenn man's ohne Sonderzeichen und Kursivsetzung klar rüberkriegt, dass da jemand denkt, dann sollte man Sonderzeichen oder Kursivsetzung weglassen, im Interesse des gleichmäßigen Schriftbilds. Was man aber auf keinen Fall will, ist, dass der Leser innehalten und überlegen muss, was das jetzt zu bedeuten hat, was da steht. Dann ist er nämlich raus aus der Lektüre, und die Gefahr, dass er, Schluck!:eek:, das Buch weglegt, groß.
     
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  14. Milar

    Milar Member

    Anführungszeichen sollten der direkten Rede vorbehalten sein. Kursiv ist auch nur ein Krücke. Wie @Waba schreibt, sollten Gedanken in den Text eingearbeitet werden.
    Wenn ein Text vorgelesen wird, sagt der Sprecher auch nicht, der nächste Satz oder Abschnitt ist in kursiv. Sondern alles muss aus den Worten verständlich sein.

    Satzzeichen werden normalerweise auch nicht gesprochen. Wie das tönt? Auf Youtube nach <Victor Borge Interpunktion> suchen. Viel Spass.
     
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  15. razzmatazz

    razzmatazz Member

    Treffender kann man es nicht sagen (y)
     
  16. Theophilos

    Theophilos Well-Known Member

    Ich habe während des Lesens dieses Verlaufs überlegt, welche Form bei mir gefühlsmäßig am besten ankäme bzw. für mich am eingängigsten wäre.
    Die einfachen Anführungszeichen sind für mich dabei keine Wahl, kursiv auch nicht. In der Tat würde ich die Gedanken auch, wie hier schon verschiedentlich geäußert, einfach in den Text einarbeiten. Das Ganze im Rahmen eines Perspektivwechsels, natürlich je nach Situation, formulieren, dann wäre das kein Problem. Für mich als Leser wäre das die glatteste Form.