Redeverben - Ergänzung der Stilanalyse

Dieses Thema im Forum "Beispieldokumente" wurde erstellt von Bernd C., 11. August 2010.

  1. Ulli

    Ulli Administrator Mitarbeiter

    Da würde ich wirklich liebend gern mal eine Statistik sehen, und es widerspricht krass meinem Eindruck, den ich durchaus in Buchhandlungen auch versuche, professionell zu schärfen. Ich halte diese Aussage mit Verlaub für grob falsch.

    Die Bücher, die es in den Verkauf schaffen, haben einen Filter durchlaufen und sind oft durch Lesen einem Autor zuzuordnen, seinem Stil, seiner Art zu schreiben.
    Das ist, wo man erst einmal nach dem Schreiben durch im Regelfalle recht schlechte Erstlingswerke, die nicht angenommen werden, hinkommen muss. Da hat Fitzliputzli genau den Nagel auf den Kopf getroffen.
     
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  2. ThAchi

    ThAchi Member

    Da kann man nur hoffen, dass die Lektoren dieser Liste von AndreasE sich nicht an den Redeverben gestört haben. :D
    Ich glaube, bei Gefühlen gibt es kein richtig oder falsch. ;)
    Ich habe ja nicht behauptet, dass die Romane schlecht seien. Wer bin ich schon, dass ich das beurteilen könnte. Meiner Empfindung nach klingen aber etliche Romane wie aus Textbausteinen zusammengesetztes Ghostwriting.
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    Er sah sehr gut aus. Ehrlich gesagt: umwerfend. Er war groß, ungefähr eins neunzig, und athletisch gebaut. Zu einem olivgrünen Fleecepulli trug er eine Jeans. Bei ihm war diese Kombination das coolste Outfit, das je ein Mensch getragen hatte. Und er sah unheimlich gut aus. Das kurze dunkle Haar war voll und lockig. Ein paar graue Strähnen durchzogen es an den Schläfen.
    Obwohl er sich vorbeugt, kann ich erkennen, dass er ziemlich groß ist. Er hat den Kopf in die Hände gestützt, was ihn verletzlich wirken lässt und in krassem Gegensatz zu seiner muskulösen Statur und den breiten Schultern steht. Seit ich ihn kenne, habe ich ihn niemals unpassend gekleidet gesehen. Er hat für einen Mann ein exzellentes Gespür für Kleidung und Styling und ich versuche mich ihm, so gut ich kann, anzupassen.
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    Den obigen Abschnitt habe ich mal schnell aus vier zufällig ausgewählten Romanen zusammengebastelt. Also ich empfinde das als repetitiv und langweilig.
     
  3. NinaW

    NinaW Well-Known Member

    Naja, dieses Textbeispiel ist für mich weniger ein Beispiel schlechten Stils (wenn wir die Wiederholung im ersten Absatz ignorieren, die aber vielleicht vom zusammenkopieren kommt ;) ) sondern ein Beispiel für klischeehafte Charaktere. Was sicherlich schlimmer ist als ein, zwei Mal das Iquit "fauchen" zu verwenden.
     
  4. Fitzliputzli

    Fitzliputzli Active Member

    Hast schon recht, das ist langweilig. Aber ich verstehe deinen Punkt nicht. Wir reden doch hier von Inquits. Wo sind die denn in deinem Beispiel? Meinst du, wenn man seinen Text von überfrachteten Inquits bereinigt, besteht die Gefahr, dass der Text so aussieht, wie in deinem Zitat? Ich würde vermuten, der Fall liegt genau umgekehrt. Romanen mit diesem Ton traue ich auch zu, dass man dort Dinge findet wie:

    "Aber ich bin verheiratet", gab sie zu bedenken.
    "Es wird garantiert niemand erfahren", versicherte er.
    "Dann nimm mich!", forderte sie.


    Sag schon, welche Romane sind's? Groschenromane? Rosamunde Pilcher? Nein, die badet zwar auch in Klischees, aber sie schreibt einen Tick besser. Pilcher ist es nicht, (wagte ich, mich weit aus dem Fenster zu lehnen).
     
  5. AndreasE

    AndreasE Well-Known Member

    Ich bin da ganz bei NinaW: Wenn die Figuren klischeehaft und flach wie Spielkarten sind, wird am Ende kein guter Roman stehen, egal, was man sonst macht, und egal, ob man diese Figuren "grunzen und fauchen" lässt oder nur "sagen", und weder Stilanalyse noch Lesbarkeit 100 wird den Text retten. (Ist ja auch das wichtigste Geheimnis der guten Küche: mit guten Zutaten beginnen!)

    Allerdings sind solche "gemixten Ausschnitte" nicht besonders aussagekräftig. In jedem Roman lassen sich platte Sätze finden.
     
  6. ThAchi

    ThAchi Member

    Das stimmt natürlich. Also brauchen wir in Papyrus noch so etwas wie einen Plattsatzfinder! ;)
    Ich habe wirklich aus dem Regal 'Liebesromane' willkürlich ein paar Taschenbücher von verschiedenen Autoren herausgezogen und bin praktisch unmittelbar auf die obigen Sätze gestoßen. Möglicherweise neigen Romane dieses Genres zu solchen Plattitüden, aber ich kenne genug Menschen, die diese Art von Büchern geradezu verschlingen. Ich wünschte, ich könnte Liebesromane schreiben, dann müsste ich vielleicht nicht mehr so viel Brotberuf ausüben.
    Sorry, da bin ich wohl einfach über das Ziel hinausgeschossen.
     
  7. PeRo

    PeRo Active Member

    Wie wäre es mit einem Spannungsbogenfreie-Zone-Finder. ;););)
     
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  8. Ulli

    Ulli Administrator Mitarbeiter

    Und hier schließt sich der Kreis: Nennt sich Stilanalyse ;-) Teile davon jedenfalls deuten kräftig darauf hin, dass ein Satz "platt" ist.

    Uuuund auch das :) "Wörtliche Rede anzeigen" anschalten - gibt's da seitenweise keine, darf man von einer eher "Show, don't tell" verletzenden Passage ausgehen, die nur heruntererzählt, aber keine spannende Handlung "zeigt".

    Beides gilt natürlich nicht absolut, aber - es hilft.
     
  9. ThAchi

    ThAchi Member

    Manchmal gönne ich mir den Spaß und lasse Rechtschreibprüfung, Stilanalyse und Lesbarkeitseinschätzung auf Werke der (Welt-)Literatur los. Da liest man dann beispielsweise Terry Pratchett mit ganz anderen Augen. :D:ROFLMAO:
     
  10. Fitzliputzli

    Fitzliputzli Active Member

    Lesbarkeitseinschätzung bei Dostojewski. Thomas Mann. Was ein Spaß! Aber damals, in der massenmedienfreien Zeit, hatten die Leser noch mehr Muße für lange Sätze.
    Und es ist ein gewaltiger Unterschied, ob du Regeln aus künstlerischer Intention brichst, oder aus Versehen ...
     
  11. ThAchi

    ThAchi Member

    Um meine Selbstzweifel zu beseitigen, müsste ich jetzt nur noch wissen, ob die Lesbarkeitseinschätzung rot ist, weil mein Geschreibsel große Kunst oder Bockmist ist. :unsure:
     
  12. Waba

    Waba Well-Known Member

    Das hängt wohl ganz stark vom Blickwinkel des Betrachters ab. ;)
    Und zusätzlich habe ich mir etwas zusammengebaut, das mir ein wenig was zum Spannungsbogen meines Geschreibsels zeigt.
    Spa_0K.jpg
     
  13. monaL

    monaL Active Member

    Beziehungsweise seinen Übersetzer. Was Übersetzer so alles anrichten können, wäre wahrscheinlich ein eigenes Thema wert. :mad:
     
  14. Fitzliputzli

    Fitzliputzli Active Member

    Haha, das ist sie: Die Frage aller Fragen.
     
  15. Ben Vart

    Ben Vart Guest

    Such dir Testleser. Wenn's keiner versteht, ist es ganz GROSSE Kunst. Nimm dir ein Beispiel in der Bildenden Kunst - Beuys oder Baselitz. Die verkaufen sich gut. Aber werden sie auch verstanden?
     
  16. qahet

    qahet Active Member

    Bei Baselitz weiß ich nicht so recht. :sleep:
     
  17. Ben Vart

    Ben Vart Guest

    Ich auch nicht. Aber er wird gefeiert und lebt von seiner Kunst. Um mehr ging es mir nicht.
     
  18. qahet

    qahet Active Member

    Stimmt - wobei er sich aber auch gerne selbst feiert, selbst wenn er nicht gefeiert wird. ;)
     
  19. Ben Vart

    Ben Vart Guest

    Na, wenn das keine Kunst - und die Art eines großen Künstlers ist.
     
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  20. monaL

    monaL Active Member

    Die Schrift einfach auf den Kopf zu stellen dürfte unseren Stil auch nicht deutlich verbessern, fürchte ich :LOL: